Wunderbares Allheilmittel

11. März 2016
von Jörg

Schweißfüße, Haarausfall, Müdigkeit, Umweltverschmutzung, Arbeitslosigkeit, Krieg, Krankheiten, politische Unruhen, schlechtes Fernsehprogramm, ...
Das ist alles kein Thema mehr, denn jetzt gibt es endlich ein Allheilmittel!

 
Also zu mindestens dann, wenn man "Allheilmittel" nicht unbedingt nur an der Wirkung, sondern auch an der Häufigkeit des Einsatzes misst.
Insofern hat die Guillotine dieselbe Wirkung - sie zielt nicht auf das eigentliche Problem ab, aber wenigstens kann der Patient sich nachher nicht über irgendwelche Probleme beklagen.

Denn heute war es wieder so weit: ich musste zu meinem Lieblingshändler wegen eines neuen Rundpantoffels.
Doch schon auf dem Weg dorthin kam mir das nicht gegessene Essen wieder hoch: die L284 zwischen dem wunderbar verbauten Wipperfürth und Hartegeasse ist nun endgültig nahezu komplett zur Tempo 70 Zone erklärt worden. Geschätzte 95% der Strecke sind seit neuestem mit "70" beschildert - gut das man noch so tief in die Tasche greifen konnte um die Schilder auf zu stellen, nachdem doch knapp 18 Millionen Euro benötigt wurden, um die Blechmann-Brücke um ca. 300m verkehrsungünstiger zu verlegen.
In Wipperfürth scheint man staatliche Subventionen zum Vertreiben der Bürger aus Stadt und Kreis zu bekommen.

Doch warum ein weiteren Streckenabschnitt zur Tempo 70 Zone erklären? Als Argument wird man - sollte man sich mit einem der Verantwortlichen verbal auseinander setzen - sicherlich die zu senkende Anzahl der Unfälle zu hören bekommen. Und das ist selbstverständlich auch richtig: das Senken der Höchstgeschwindigkeit führt natürlich zu einer Senkung der Unfallzahlen. Und nun das Schöne: dieses "Allheilmittel" kann man wieder und wieder anwenden. Und es wirkt - selbst von mir unbestritten - weiter und weiter mit jeder weiteren Anwendung.
Oder anders ausgedrückt: egal wie hoch die Unfallzahlen nun bei Tempo "70" sind - bei Tempo "50" wären sie noch geringer. Und selbst dann ist es möglich, mit Tempo "30" die Zahlen noch weiter zu senken. Und am Ende ist man erst dann, wenn die Strecke für den Verkehr total gesperrt wird! Aber dann: voilà, die Zahl ist auf das absolute Minimum gesenkt worden. Und das kann niemand ernsthaft bestreiten. Weder ich noch irgendein Verkehrsplaner: jeder km/h der weniger gefahren wird, führt - immer - und unweigerlich zu einer Senkung der Verkehrsunfälle!

Daher fordere ich: flächendeckend Tempo 50. Wobei das weitere Senken der maximalen Höchstgeschwindigkeit auf Tempo 30 in der gesamten Bundesrepublik (also nicht nur auf Landstraßen sondern auch auf Autobahnen) die Unfallzahlen wohl unbestritten senken würde. Und alleinig darum ging es doch, nicht wahr? Und bei "30" sind wir ja noch nicht am Ende der Möglichkeiten zum Thema Geschwindigkeitssenkung.

Wenn es um das Senken der Unfallzahlen geht, dann sind Städte und Kreise sehr kreativ: da wäre zum Ersten das Senken der Höchstgeschwindigkeit, zweitens das Senken der Höchstgeschwindigkeit und anschließend das Senken der Höchstgeschwindigkeit. (Irgendwann unter Punk 834 kommt dann auch sowas wie der Ausbau, Wartung und Pflege der Wege-Infrastruktur - das spielt jedoch nur eine untergeordnete Rolle, denn vernünftig instand gehaltene Wege sind nicht halb so effizient wie Tempolimits).
Apropos "Effizienz": es ist natürlich auch nicht nur weitaus günstiger Verbote aus zu sprechen anstatt bauliche Maßnahmen durch zu führen: im selben Maße wie eine Tempolimit weniger kostet bringt es - im Gegenzug - gleichzeitig auch noch mehr ein: in Form von "Kontrollmaßnahmen", die selbstverständlich nur der Sicherheit dienen und nicht dem inzwischen schon eingeplanten Budget der Kassen!

Denn: es geht doch nur um unsere Sicherheit! Immer nur um unsere Sicherheit. Und für die muss der Staat als Aufsichtsperson doch schließlich Sorge tragen!
Und die Anzahl der 3.450 Toten im Straßenverkehr aus dem Jahr 2015 müssen weiter gedrückt werden - egal zu welchem Preis (wortwörtlich).
Das seit Jahren die Krankenkassen darauf hinweisen, dass jedoch etliche tausende Menschen mehr jedes Jahr unnötig in Krankenhäusern sterben wegen mangelnder Umsetzung der Hygienevorschriften und Personal kann man natürlich nicht dagegen halten, denn wir hatten uns ja schon darauf geeinigt, dass es nur um unsere Sicherheit geht (wenn der Staat dabei gleichzeitig noch die Möglichkeit hat, Geld zu verdienen - wenn es darum geht das der Staat Geld ausgeben muss dürfen die Menschen ruhig ...).
Honi soit qui mal y pense. So einem Staat vertraue ich gerne.

Weil also einige, wenige Honks nicht unfallfrei fahren können, nimmt man alle unter die Knute. "Kollektivstrafe" nannte man so etwas zu meinen Ausbildungszeiten. Alle werden für das Verhalten einiger weniger bestraft.
 

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Abbildung: eine Gerade. Extrem gefährlich und nie zu unterschätzen! Nur für geübte Fahrer!

 
Bleibt nur zu hoffen, dass man dieses Verfahren ausdehnt. Mir würden da z. B. Manager oder auch Politiker einfallen: einige können ja definitiv nicht mit Geld umgehen (witziger Weise nur mit dem, was ihnen nicht selber gehört): daher sollte ein maximales Limit von 7.000 Euro pro Tag gelten. Selbstverständlich für alle und nicht nur für die, die Flughäfen, Opern, Bahnhöfe, Banken oder gar ganze Konzerne vor die Wand fahren.

PS: ein weiterer schöner Nebeneffekt der meiner Erfahrung nach sehr schnell eintritt: viele die vorher als "100" erlaubt waren Tempo "80" fuhren, fahren nun - nachdem die Höchstgeschwindigkeit auf "70" gesenkt wurde - jetzt "60" (auf derselben Strecke). Merke: niemals die maximal zulässige Höchstgeschwindigkeit fahren. Denn das ist ja viel zu gefährlich!

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