Tal der Tränen

8. Oktober 2016
von Jörg

Ich werde alt, ich weiß es. Denn trotz meiner gefühlten 23 bin ich tatsächlich der 50 näher als der 40. Und - viel schlimmer - ich entferne mich immer weiter von der Welt (oder sie sich von mir) und ich verstehe sie immer weniger.
Wäre ich Angestellter auf der INTERMOT, so wäre meine Frage sehr oft gewesen "Ist das Kunst oder kann das weg?" ...

 
Die INTERMOT. Vor der Haustüre. So gut wie. Und statt 19 Euro Eintritt kann man im Vorverkauf auf die 14 Euro Eintritt auch noch einmal weitere drei Euro sparen, wenn man ADAC Mitglied ist. Passt!

Da ich keinen Urlaub mehr habe, fällt ein Wochentag zum Besuch der Messe aus, Sonntags ist mir zu voll, also bleibt noch der Samstag. Nach einem Frühstück geht es vor acht Uhr los Richtung Köln.

Die ersten zehn Euro bin ich los, ohne auch nur einen einzigen Fuß in die Ausstellung gesetzt zu haben. Aber zehn Euro für einen ganzen Tag in Köln zu parken ist jetzt auch nicht so teuer. Vielleicht sollte ich das nächste Mal mit der Bahn reinfahren, denn das ist im Eintrittspreis ja enthalten, jedoch bedeutet es eben auch ggf. alle Einkäufe erst einmal Tragen und in der Bahn transportieren zu müssen. Da ist das Auto vor der Türe dann doch bequemer, auch wenn es seinen Preis hat.

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Doch schon die erste Halle ist eine Enttäuschung: "Custom Bikes". "Custom Bikes" sind Motorräder, die man für viel Geld sehr individuell gestaltet. Teilweise so individuell, dass sie nicht mehr fahrbar sind. Ich glaube, viel individueller geht es nicht. Ein Motorrad kaufen und noch einmal viel Geld in die Hand nehmen, damit es nicht nur so aussieht als ob man es nicht mehr fahren könnte, sondern dass es auch wirklich so ist ...
So bringe ich die komplette Halle in Rekordzeit (<10 Minuten) hinter mich. Denn ich dachte es geht um Motorrad fahren und nicht um Motorrad "showen". "Schein statt sein" ist nicht mein Ding. Dafür aber "Form follows function". Schön ist, was funktioniert! Wenn ich was schönes will, kaufe ich mir eine Vase und stelle die dann in die Vitrine. Aber selbst das kann man ja mit den "Custom Bikes" nicht machen ...
Was für eine Verschwendung!

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Einen weitereren Dolchstoß gab es dann auf dem BMW Stand. Meine geliebte K13 Serie wird tatsächlich sterben gelassen. Es wird keinen Nachfolger geben. 4 Zylinder, Kardan, 140 Nm, 173 PS und 1,3 Liter Hubraum machen zusammen mit einem Superbike-Lenker und einem richtigen Sattel den perfekten, kurvengierigen Sporttourer, bei dem man nach 800 km Landstraße absteigt und fragt, ob man nicht noch eine kleine Tour drehen möchte. Selbst mit reichlich Gepäck und Sozius, es gibt nichts besseres. Doch das gibt es nicht mehr. Durchgesetzt haben sich Boxer und der zornige 1.000er aus der RR und R Serie als "Reiseenduros". Nicht einmal ein einziges Modell der K16 Serie habe ich gesehen.
Aber wenigstens dieses Mal konnte ich ein legendäres Fahrzeug mein Eigentum nennen, bevor es für mich unerreichbar vom Markt verschwunden ist.

http://www.motorradonline.de/vergleichstest/test-acht-bikes-fuer-die-landstrasse-die-monumentale-bmw-k-1300-r/371175?seite=2
http://www.autogazette.de/fahrbericht/bmw/k-1300-r/reiz-der-beschleunigung-243453.html
http://www.mg-outerlimits.de/berichte/motorrad/bmwk1300r.shtml
http://www.kabeleins.de/tv/abenteuer-auto/videos/biketest-bmw-k-1300-r-clip

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BMW, da hattet ihr echt große Kunst hingelegt. Aber so ist das mit Legenden: damit sie dazu werden, muss man sie wohl irgendwann mal sterben lassen.

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Wenigstens ein kleines Highlight hat der Tag dann noch gebracht: wieder einmal hatte "nonoise" (http://www.nonoise-earplugs.com/de/) einen Stand auf der INTERMOT. Und ich habe ein paar dieser Ohrstöpsel, um die Ohrbelastung auf langen Touren zu reduzieren. Und ich trage sie auch gerne, doch leider rutschen sie während der Fahrt immer wieder langsam aus den Ohren raus. Also nutzte ich die Gelegenheit um am Stand zu fragen, was ich falsch mache. Ich schilderte mein Problem und bekam sofort ein paar neue "nonoise" geschenkt (ja, kostenlos). "Unser Produkt funktioniert nicht richtig? Das darf nicht sein, wir wollen zufriedene Kunden. Probieren Sie die hier!". Ein paar neue, original verpackte "nonoise" Ohrstöpsel mit verschraubbaren Alu-Zylinder zur Aufbewahrung. Das neu verwendete Material besteht aus einer neuen Mischung, sie soll besser halten. Ich werde berichten ...

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Nach der Messe ging es dann noch schnell nach Polo zum Shoppen einer neuen Abdeckung, die alte hat sichdurch die Sonne aufgelöst. Wenn man schon in der Nähe ist, dann soll der Tag nicht umsonst gewesen sein.

Anschließend geht es nach Hause und auf dem Rückweg leuchtet mir dann doch ein, warum ich "Custom Bikes" vielleicht doch gar nicht so schlecht finde: solange die Jungs an ihren Maschinen putzen und schrauben, blockieren sie mir wenigstens nicht den Weg. Also: schraubt fleissig weiter - und immer schön in der Garage bleiben!

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zwei Responses zu "Tal der Tränen"

  1. Uli
    Uli on 08-10-’16 21:10

    Klar, man sollte sein Alter nicht verleugnen. Sonst schätzt man Dein
    Alter anhand Deines Fahrstiles…. 75+

    Aber schöne Bilder und Retro ist mal wieder schwer angesagt.

  2. Jörg
    Jörg on 09-10-’16 10:05

    Also, wenn Retro “unfahrbar” heißt, dann bin ich lieber modern. Sehr viel lieber! Allein die Lenker- und Sitzpositionen mögen ja “cool” und “lässig” aussehen – sie sind es aber nicht. Da steige ich lieber “cool” und “lässig” nach einer langen Fahrt vom Motorrad ab!

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