Icenospeedway

29. Dezember 2016
von Jörg

Der Atem kondensiert in der Luft. Es ist dunkel und kalt. Auf den Wiesen ist Reif zu sehen und das Thermometer der Maschine zeigt - mit viel gutem Willen und frisch vom Wintergarten - eine "1" und eine "5". Dazwischen ein Komma. Wer bei diesen Temperaturen fährt ist entweder wahnsinnig oder wenigstens ein bisschen Plem-Plem.
Ich entscheide mich für letzteres, denn schließlich will ich die Maschine in meine Werkstatt bringen: Kaltenbach Overath, ich komme!

 
Es ist zwischen Weihnachten und Neujahr. Die Firma hat Betriebsferien. Das ist gut, weil ich aus einer ungewohnten Mischung aus "Zeit haben" und "Dinge in Ruhe erledigen" können doch tatsächlich - neben dem viel zu seltenen TV-Couching - auch ein paar Sachen erledigen kann. Das ist schlecht, weil ich eigentlich meinen Urlaub lieber im Sommer nehmen würde, wenn man mehr hat von den Urlaubstagen - sogar stundenweise mehr Stunden an jedem Tag des Urlaubs.

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Eine "1", eine "5", dazwischen ein Komma!

 
Aber es ist nun einmal so, alles hat seine Vor- und Nachteile. Vorteil ist, dass die Maschine eigentlich schon seit Spät-Herbst diese hässliche "Bring Mich Werkstatt" Anzeige im Display hat. Sehr doppeldeutig. Zumal sie gerade erst im Frühjahr den großen Komplettcheck bekommen hat.
Aaaaaber ...: in der Winterzeit gibt es im Motorradbereich ja die größten Rabattaktionen und so bietet auch mein Händler 15% auf Lohn und Teile (ausgenommen TÜV, ASU, Reifen).

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Die Sonne lacht, Blende 8. Nur doof, wenn man nur eine Sonnenblende hat!

 
Der Termin ist für 9.00 Uhr angesetzt und ich solle doch bitte pünktlich sein, es wären gerade sehr viele Maschinen in der Werkstatt. Es ist jedoch noch so dunkel und damit kalt, dass ich wahrscheinlich noch nicht einmal groß vom Grundstück kommen würde, ohne die Schräglage der Maschine überprüfen zu müssen.
Mit einem Telefonat ist der Termin jedoch verschoben. Man hat Verständnis und bittet mich, wenigstens vor 14 Uhr in der Werkstatt zu sein, damit die Maschine heute noch fertig werden kann. Das sollte eigentlich kein Problem sein. Eigentlich?

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Gegen 10 Uhr ist es so hell, dass man eigentlich davon ausgehen kann, dass die Temperaturen gestiegen und die Feuchtigkeit entschwunden ist. Sollte man. Zwar ist die Sonne draußen und scheint hell aus einem wolkenlosen Himmel, doch wo dem im Winter so ist, sieht man noch weniger. Und "hell" bedeutet auch nicht gleichzeitig "warm".
Denn im Bergischen hier ist es immer recht kühl und es bleibt dann auch lange feucht. Und somit kann jedes bisschen Feuchtigkeit, welches sich im Schatten jedes Baum, Strauches oder Hauses auf der Straße verbirgt seinen Aggregatzustand ändern und auskristallisieren. Oder anders ausgedrückt: Eis.
Und als ob mich die Maschine vor dem nahenden Unheil beschützen wollte lies die Batterie den Funken nicht wirklich überspringen. Zu kalt, zu lange nicht gefahren. Unwillig murrend und nur durch zureden schüttelte sie sich dann beim zweiten Mal durch, sichtlich immer noch unwillig, zäh und schwer sich dem gefrorenen Boden gegen die Erdanziehung behaupten zu wollen.

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Auf dem Hinweg war es hier noch 1,5 Stunden kälter: genügend Eis für die maximale, horizontale Schräglage! Im Schatten der Leitplanke sehr spät zu sehen.

 
Und so wäre es dann auch beinahe gekommen. Auf dem Hinweg im Schatten einer Leitplanke in einer Kurve versteckte sich eine schmierige Tauwasser/Eis Schicht, welches mir dann die Maschine in eine erdnahe Bewegung versetzte. Doch genauso wie die Mischung aus Eis und Wasser böses wollte, sorgte die Vermischung aus sowieso vorsichtigem Fahren, einer Portion Glück und den blitzartigen Reflexen eines Tieres der Gattung "Folivora" dafür, dass die Reifen schnell wieder Gripp im trockenen Bereich des Asphalts bekamen und die Wartung nicht größer als er-wartet ausfallen musste.
(Dabei hat sich der alte Spruch "je dunkler desto rutsch" wieder bewährt: Augen auf den Fahrbahnverlauf).

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Da wo Schatten, da auch Eis!

 
Beim Händler angekommen geht dann alles wieder seinen normalen Verlauf: Check-In, kurze Absprache der anfallenden Arbeiten, bitte warten.
Aber das "bitte warten" würde mich nicht schwer fallen, denn neben dem bekannten Kunden-Kaffee-Vollautomaten verriet man mir mit einem Augenzwinkern: die neuen Modelle 2017 sind alle in der Halle!
Also ab dafür ...

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Während die eigene Maschine in der Werkstatt also gerade die Ayurvedische Massage bekommt, flirte ich (nur mit den Augen) mit den neuen Modellen. Auffällig ist vor allem, dass alle neue Maschinen mit der EURO4 einen wunderschönen Seitenreflektor an der vorderen Gabel bekommen haben. Wer die komplette Maschine nicht gesehen hat, wird hoffentlich wenigstens diesen niedlichen Seitenreflektor wahrnehmen. Hoffentlich.

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Ansonsten: die K1600 fehlt noch, die wird erst noch geliefert. Meine K13 gibt es natürlich nicht mehr, sie ist der EURO4 zum Opfer gefallen. Und einen echten Nachfolger für diese eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht.
Sowohl sportlich als auch tourentechnisch gibt es nur noch weniger oder mehr: zwei (R1200R) oder sechs Zylinder (K1600). Vier ist nicht mehr. Und auch vom Komfort her gibt es nur noch die (Super)sportler (S1000R) oder die reinen Kilometerfresser (R1200RT).
Die Mischung aus dem Besten von allen (K1300R) ist tot. Wer noch eine haben möchte, hat noch bis zum 31. Dezember 2016 Zeit. Danach dürfen keine mehr verkauft werden. EURO4 macht es möglich.

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Also gehe ich von Maschine zu Maschine ohne mich wirklich mit dem Gedanken anfreunden zu können, dass eine neue Maschine mich glücklicher machen würde als meine jetzige.
Auch alle noch so freundlichen Ansprachen der Händler "kann ich Ihnen helfen", "möchten Sie ..." an mich helfen da nicht wirklich weiter.
Auch die Tatsache, dass ich ja auch mal einen neuen Helm möchte (9 Jahre ist lang genug) und es die EVO 6 Helme gerade mit Rabatt gibt, ist interessant, heitert meine Stimmung aber auch nicht auf.

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Auch wenn alles wieder i. O. war: keine Mehrarbeiten notwendig, 15% Rabatt, eine Menge neuer Ausstellungsmaschinen, freundliches Personal, eine hervorragende Werkstatt und perfekt ausgeführte Arbeiten, ...
Dieses Jahr geht eine Ära zu Ende. Ein Motorrad wie dieses wird es so schnell wohl nicht wieder geben. Statt dessen dominieren die "Cafe-Racer": aufsitzen, angeben, ab nach Hause?

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Das Einzige, was mich jetzt noch aufbauen konnte war die Fahrt nach Hause. Schließlich weiß ich ja jetzt wo Eis war ... und wo nicht!
Und wo kein Eis ist ...

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